Arwed Henking

Arwed Henking im Frack

Geboren am 21. April 1936 als Sohn des damaligen Domkantors Bernhard Henking in Magdeburg.
Schulzeit und erste musikalische Ausbildung in Winterthur in der Schweiz.

1955-61 Studium an der Musikakademie in Wien: Orgel bei Anton Heiller,
Dirigieren bei Hans Swarowsky. Künstlerische Reifeprüfung.

1961/62 Studienjahr in Paris: Orgel bei Gaston Litaize, Dirigieren am Conservatoire de Paris. Chorleitungskurse bei Martin Flämig in der Schweiz.
Beginn einer ausgedehnten Konzerttätigkeit als Organist. Rundfunk- und Plattenaufnahmen.

1962-1972 Bezirkskantor in Tuttlingen (Württemberg).
1964 kirchenmusikalische A-Prüfung in Esslingen am Neckar (extern).
1973-1979 Kantor an der St. Blasius-Kirche in Hann. Münden und Kirchenmusikdirektor im Sprengel Göttingen.

Herbst 1978 Übernahme der Leitung der St. Jacobi-Kantorei infolge der Erkrankung von Kantor Hans Jendis.

Seit 1. Mai 1979 Kantor an St. Jacobi in Göttingen.
Daneben Leitung des Kirchenmusikseminars der Georg-August-Universität Göttingen
(Ausbildung nebenberuflicher Kirchenmusiker zur C-Prüfung).

Mai 1979 bis Juli 2001 Kantor an St.Jacobi in Göttingen mit folgenden Schwerpunkten:
- Großer Chor: Aufführung der Oratorienliteratur, abwechselnd mit dem Göttinger Symphonie Orchester und dem Kammerorchester St.Jacobi. Regelmäßige Mitwirkung bei Konzerten des   GSO in der Stadthalle und auswärts.
- Kleiner Chor: A-cappella-Programme und kleiner besetzte oratorische Werke, oft in historischer Aufführungspraxis. Chorfahrten bis in die Krim und nach Brasilien.
- Organistendienst, Freitags-Orgelmusiken, Internationale Orgeltage.
- Leitung des Kirchenmusikseminars der Georg-August-Universität Göttingen, Ausbildung nebenberuflicher Kirchenmusiker, insgesamt 175 D- und C-Prüfungen.

Seit August 2001 „tätiger Ruhestand“ mit vielerlei musikalischen Aktivitäten und Aufgaben:
- als Organist: Gottesdienstvertretungen, Orgelmusiken und Orgelkonzerte in St.Jacobi, Stephanus, St.Johannis Rosdorf,  St.Sixti Northeim u.a.
- als Instrumentalleiter:  Seit Frühjahr 2002 LeitunArwed Henking in Pragg des „Collegium coll’arco“, einer freien Streichergruppe. Mitwirkung bei Kirchenkonzerten und eigene Konzerte. Seit November 2005 Leitung des Schulorchesters am Max-Planck-Gymnasium.
- Als Chorleiter: 3 Jahre Vertretung im Stephanuschor in Geismar, 3 Monate Vertretung in der Kantorei St.Blasius Münden. Chorprojekte in Dransfeld, St.Johannis Rosdorf, St.Jacobi („sing along“ ), „Vokalensemble Besenhausen“.

- Frühjahr 2006 Übernahme der Leitung der Kantorei St.Albani.

Kantor an St.Jacobi

Ein Gespräch mit Arwed Henking geführt von Anke Hauenschild und Irene Klein

(in der Festschrift des 100-jährigen Jubiläums der St. Jacobi-Kantorei Göttingen im jahre 1991)

Die St. Jacobi-Kantorei feiert in diesem Jahr ihr 100jähriges Bestehen. Da drängen sich Fragen auf, die besonders Dich, Arwed, den Leiter der Kantorei betreffen. Man kennt Dich einerseits von Konzerten, andererseits vom gottesdienstlichen Orgel¬spielen. Aber das ist nur ein Bruchteil Deiner Tätigkeit. Was versteckt sich wirklich hinter Deinem Beruf?

Das ist ganz schwierig zu sagen, weil das Termingebundene nur einen - wenn auch wesentlichen - Teil der Arbeit ausmacht: Gottesdienst, freitägliche Orgelmusiken, die wöchentlichen Proben des großen und kleinen Chores, projektbezogene Orchesterarbeit und Dienstbesprechungen mit Mitarbeitern. Was aber darüber hinaus viel Zeit kostet, ist die Planung und Vorbereitung der Gottesdienste, der Orgelmusiken, der Chorarbeit, die Organisation der Konzerte, Korrespondenz und Telefonate mit Mitwirkenden usw.. Man sollte auch denken, selber Orgel üben, aber das ist leider der Teil, der oft zu kurz kommt. Dazu kommen das Kirchenmusikseminar zur Vorbereitung auf die C-Prüfung und die Orgelschüler, doch das gehört nur indirekt zum Tätigkeitsbereich des Kantors von St. Jacobi. Das Schöne an meinem Beruf ist, daß ich sehr viel Freiheit habe und mir meine Ziele selber setzen kann.

Welchen Anteil hast Du an der Gottesdienstvorbereitung?

Das läßt sich nicht generell beantworten und ist beinahe von Sonntag zu Sonntag verschieden. Im allgemeinen bereiten der Pastor und ich den Gottesdienst gemeinsam intensiv vor. Es gibt Gottesdienste, in denen sogar die Musik das Primäre ist. So kann zum Beispiel eine Bach-Kantate im Mittelpunkt stehen. Oder wir versuchen, ein Konzept des Pastors musikalisch auszugestalten. Unter Umständen muß man da noch kurzfristig eine Chorgruppe zusammenstellen und passende Stücke suchen. Insgesamt kann ich sagen, daß wir an St. Jacobi eine ausgesprochen gute partnerschaftliche Zusammenarbeit haben, was sich auch spürbar in den Gottesdiensten auswirkt.

Lassen sich Deine Vorstellungen beim gottesdienstlichen Singen realisieren, und wie ist das Engagement der Chorsänger?

Ich fände es ganz toll, wenn man sonntags um 9 Uhr in 40 Minuten zum Beispiel eine Franck-Evangelienmotette, einen Introitus und einen schönen Satz zum Wochenlied proben könnte. Aber diese Erwartungen sind nicht zu erfüllen. Das liegt daran, daß nicht alle, die das Engagement bringen, musikalisch dazu in der Lage sind, was man ja auch nicht erwarten kann; und etliche, die es könnten, woanders zum Beispiel als Organisten sowieso schon tätig sind. Deswegen bereite ich jetzt oft samstags mit einer Chorgruppe den Gottesdienst vor, oder manchmal übernimmt der kleine Chor für sich einen Gottesdienst mit musikalisch anspruchsvolleren Chorstücken.

Wie würdest Du deinen Beruf betonen - Kirchenmusiker oder Kirchenmusiker?

Früher wäre die Betonung ganz eindeutig auf dem Musiker gewesen. Ich komme von der Musik her, aber gerade durch die sehr gute Zusammenarbeit hat der Gottesdienst einen sehr viel höheren Stellenwert gekriegt. Meine Zuständigkeit, mein Beruf ist die Musik - aber eben im Blick auf die Kirche, insbesondere bei der gottesdienstlichen Musik. Doch macht es auch wieder besonderen Spaß, gelegentlich einmal „absolute", nicht wortgebundene Musik aufzuführen, etwa in einem Konzert des Kammerorchesters St. Jacobi.

Kannst Du in Deiner Arbeit Schwerpunkte setzen? Liegt Dir mehr die Chorarbeit oder das Orgelspielen?

Ich denke, um speziell von St. Jacobi zu sprechen, ist die Chorarbeit schon aus zeitlichen Gründen der stärkste Schwerpunkt. Es gibt drei große Aufführungen im Jahr, zum Reformationsfest machen wir etwas Anspruchsvolles, und fast jeden Sommer unternimmt der kleine Chor eine Chorfahrt mit einem schwierigen A-cappella¬Programm.

Entspricht dieser Schwerpunkt auch Dir persönlich?

Diese Frage könnte man ja auch so stellen: Würdest Du bei einer geteilten Stelle die Aufgaben des Kantors oder des Organisten übernehmen? Ich würde bestimmt die Chorarbeit wählen, aber sehr schweren Herzens auf die Orgel verzichten.

Wie steht es mit den Erwartungen von Publikum und Mitwirkenden gegenüber den musikalischen Aktivitäten der St. Jacobi-Kantorei?

Das Publikum kommt. Die Konzerte sind voll. Und die Freitags-Orgelmusiken sind letztlich auch erstaunlich gut besucht. Noch wichtiger sind die Erwartungen der Chorsänger. Insbesondere die Studenten kommen ja nicht, weil sie sich St. Jacobi verpflichtet fühlen, sondern weil es ihnen von der Aufgabenstellung her Spaß macht, und vielleicht auch wegen der Choratmosphäre.

Wie gehst Du bei der Auswahl der Werke, die du mit den Chören einstudierst, vor?

Ich versuche, in beiden Chören im Laufe der Zeit stilistisch möglichst unterschiedliche Werke zu erarbeiten, damit die Sänger viel kennenlernen. Das reicht von Monteverdi bis Kodäly, von Bach bis Günter Neubert, wobei die Größe der Chöre natürlich auch ein Kriterium ist. So wären beispielsweise Aufführungen mit historischen Instrumenten nicht mit dem großen Chor denkbar, ebensowenig sind romantische Oratorien mit dem kleinen Chor zu realisieren.

Sowohl im großen als auch im kleinen Chor fällt auf, daß Studenten den allergrößten Teil des Chores ausmachen. Wie denkst Du über die damit verbundene Fluktuation?

Ja, das ist schon problematisch. In den großen Chor kommen im Jahr gegen 40 neue Leute, also ein Drittel bis ein Viertel. Wenn wir zum Beispiel in Absprache mit der Stadtkantorei alle vier Jahre das Weihnachtsoratorium proben, hat höchstens ein Drittel des Chores das Werk schon gesungen, davon vielleicht die Hälfte in St. Jacobi. Aber spannenderweise haben es etwa zwei Drittel noch gar nicht gesungen. Ich persönlich finde das sehr schön. Es handelt sich also jedesmal um eine Neueinstudierung. Wir können nicht auf ein Repertoire zurückgreifen.Die Fluktuation hat auch den großen Vorteil, daß der Chor nicht älter wird. Die Jacobi-Kantorei erneuert sich ganz von selbst. Mir selbst macht die Arbeit mit jungen Menschen unwahrscheinlich viel Spaß. Die Nachteile bestehen mehr im menschlichen Bereich. Ich selber kenne die Leute zu wenig. Und unter den Sängern, besonders im großen Chor, beobachte ich häufig eine gewisse Anonymität. Ein Problem ist auch, daß es zur Zeit im Stadtzentrum keine Gaststätte mit ausreichend Platz gibt, wo man sich im Anschluß an die Proben regelmäßig und zwanglos treffen könnte, wie das lange Zeit üblich war. Ich würde persönlich jede Initiative aus dem Chor begrüßen, die in dieser Richtung neue Wege sucht. Vielleicht bringt ja das Kantoreijubiläum hier Impulse.

Bei einem Konzert stehen rechts von Dir die Solisten als Profis, vor Dir der Chor als Masse von Amateuren und dazwischen das Orchester - entweder Vollprofis wie das GSO oder gemischt wie das Kammerorchester. Wie läßt sich das vereinbaren?

Da bestehen natürlich Unterschiede. Aber ich denke, man kann das Gefälle Profi - Amateur durch die längere Probenzeit beim Chor und die Begeisterung der Chorsänger ausgleichen. Das ist eben das Schöne, daß man mit so einem Chor drei bis sechs Monate intensiv an den Werken arbeitet. In der Zeit lernen es alle, auch diejenigen, die nicht so hohe musikalische Voraussetzungen mitbringen. Der große Chor ist für Werke der Barockzeit fast zu groß. Aber wenn man die Stücke gut probt und versucht, eine gewisse Leichtigkeit hineinzubringen, ist es bei dem Stimmmaterial, das wir in St. Jacobi haben, durchaus möglich, Aufführungen zustandezubringen, die überzeugen. Im kleinen Chor kann man natürlich noch mehr auf die musikalischen Feinheiten eingehen, wie zum Beispiel bei der Johannespassion oder der Marienvesper. Es ist zwar kein Profichor, aber das Gesamtniveau ist relativ hoch, und die Aufführungen braucht man nicht zu verstecken. Auch die Solisten wirken immer wieder gerne mit in unseren Konzerten.

Kannst Du sagen, ob Du den Chor in gewisser Weise geprägt hast, seitdem Du hier tätig bist?

Das ist eine ganz schwierige Frage. Es ist klar, daß der Chor irgendwie mit der Art des Chorleiters zusammenwächst. Aber es gibt Chöre, die nach ihrem Chorleiter heißen und nur auf ihn fixiert sind. Das wäre nicht mein Stil. Im wesentlichen habe ich die Arbeit meines Vorgängers Hans Jendis kontinuierlich fortgesetzt, auch wenn ich sicherlich musikalisch in vielem andere Vorstellungen habe. Das hat auch damit zu tun, daß sich das Bild der Aufführungspraxis gewandelt hat. So bin ich an der historischen Aufführungspraxis sehr interessiert. Ich versuche, besonders im kleinen Chor, alte Musik mit den entsprechenden Instrumenten zu machen, und da zieht der Chor auch gut mit, weil die meisten mit dieser Musik umgehen können. Ich habe das Gefühl, daß es ein gutes Miteinander im Chor ist.

Gab es Aufführungen, die für Dich besonders eindrücklich waren?

Das ist nicht leicht zu beantworten, da immer das Werk, an dem man gerade probt, im Mittelpunkt steht. Im letzten Jahr konnte ich mit dem Verdi-Requiem und der Marienvesper zwei Werke erstmalig dirigieren, die für mich in ihrer Gegensätzlichkeit faszinierend waren. Aber natürlich sind beispielsweise Bachs Passionen und die h-moll-Messe immer besonders wichtige Werke für mich gewesen, und auch die Arbeit an den romantischen Oratorien wie Paulus, Elias und Christus begeistert mich immer wieder.

Ein bißchen Zukunftsmusik: Was hast Du Dir für die nächsten Jahre an Literatur vorgenommen? Gibt es Werke, die Du schon immer gerne aufführen wolltest?

Zunächst zum zweiten Teil der Frage: Es gibt natürlich Stücke, die mich seit langem reizen würden, die ich aber nicht werde aufführen können. Die Lukas-Passion von Penderecki oder das War-Requiem von Britten sind zum Beispiel schon aus räumlichen Gründen in der Jacobikirche nicht zu realisieren, andere moderne Werke sind mit Laien nicht darstellbar. Umso wichtiger war für mich die Möglichkeit, mit Günter Neuberts „Laudate Ninive" ein großes, neues Werk uraufzuführen. Doch nun zu den nächsten Plänen: Mit dem kleinen Chor schwebt mir in näherer Zukunft eine Aufführung der Matthäus-Passion mit historischen Instrumenten vor. Und der große Chor wird am 28. 6. 92 Beethovens „Missa solemnis" aufführen - ein Werk, das der Chor noch nicht gesungen hat, ich noch nicht dirigiert habe, und das für jeden Mitwirkenden eine echte Herausforderung darstellt.

Wir wünschen Dir, daß Du bei der Arbeit hier an St. Jacobi weiterhin bewußt mit dem Vertrauten und Routinemäßigen umgehst und immer wieder Mut zum Neuen findest.